Diese Station setzt Stationen 1 bis 10 voraus — zuletzt Selbstbeherrschung und Geduld als erste und zweite Tugend der zweiten Stufe. Beide verlangen Anstrengung: das Regieren des Einzelimpulses, das Aushalten der Zeit. Besonnenheit fragt nun nach dem Boden, von dem aus diese Anstrengungen möglich sind — nach dem ruhigen Grundzustand, der nicht selbst angestrengt ist. Wer keinen solchen Boden hat, kämpft immer aus einem Zustand der Erschöpfung. Wer ihn hat, handelt aus Klarheit.
Nach diesen sieben Tagen wirst du verstehen, was Besonnenheit von Selbstbeherrschung und Geduld unterscheidet — und warum sie als Grundzustand und nicht als Leistung zu verstehen ist. Du wirst Senecas Begriff der tranquillitas animi kennen und in Marc Aurel seinen konkreten Praktiker gesehen haben. Du wirst die neuropsychologische Grundlage von Ruhe und Unruhe verstehen. Du wirst zwei Praktiken zur Kultivierung der Besonnenheit geübt haben. Und du wirst erkannt haben, warum Besonnenheit sich im Gewöhnlichen zeigt — und nirgends sonst.
Räume den Tisch leer. Lege alles beiseite — das Telefon, die Tasse, das Unfertige. Setze dich aufrecht. Lege beide Hände flach auf die Fläche vor dir. Atme dreimal tief ein und aus. Du bist hier, um zu ruhen.
„Was fällt dir als Erstes ein, wenn du an Besonnenheit denkst — ein Bild, eine Erinnerung, ein Gefühl? Halte es in einem Satz fest, ohne es zu erklären."
Tranquillitas Animi — Der gleichmäßige Lauf der Seele
„Da ist etwas, das mich weder ganz bindet noch ganz freilässt — kein Schmerz, aber auch keine Gesundheit. Nenne es nicht Gleichgültigkeit — es ist Erschöpfung an Erfreulichem und Überdruss."
— Serenus, in: Seneca, De Tranquillitate Animi I, 2 [sinngemäß]
Senecas Freund Serenus schreibt ihm einen langen Brief. Er beschreibt darin eine Beschwerde, die keinen richtigen Namen hat. Er ist nicht krank und nicht gesund, nicht unglücklich und nicht glücklich. Er beginnt Dinge und lässt sie liegen. Mal drängt es ihn in die Stadt, mal in die Stille. Er sehnt sich nach Gesellschaft und findet sie unerträglich. Er fasst Entschlüsse und verwirft sie. Etwas in ihm schwankt — er weiß nicht, wohin.
Seneca nennt diesen Zustand fluctuatio animi — das Schwanken der Seele — und seine Abhandlung De Tranquillitate Animi (Über die Seelenruhe) ist eine Antwort auf genau diese Klage. Was Serenus fehlt, ist nicht das Glück, nicht das Wissen, nicht die richtige Umgebung. Was ihm fehlt, ist ein gleichmäßiger Grundton — das, was Seneca tranquillitas nennt: die Seelenruhe.
Tranquillitas ist kein Zustand der Taubheit oder Gleichgültigkeit. Der ruhige Mensch fühlt. Er freut sich, er trauert, er engagiert sich. Aber sein innerer Grundton schwankt dabei nicht. Er wird von Freude nicht überwältigt und von Kummer nicht zerstört. Er bleibt — wie Seneca schreibt — „weder sich erhebend noch sinkend": im gleichmäßigen Lauf.
Besonnenheit in diesem Sinne ist von den Nachbartugenden scharf zu unterscheiden. Selbstbeherrschung (Station 9) regiert den Einzelimpuls — sie ist aktiv, taktisch, kämpft im Moment. Geduld (Station 10) hält über die Zeit durch — sie ist ausdauernd, wartend, zielgerichtet. Besonnenheit ist keines von beidem. Sie ist der Boden, aus dem beide erst möglich werden: der ruhige Grundzustand, von dem aus die Kämpfe geführt werden, ohne dass der Kämpfende sich selbst verliert.
Die griechische sōphrosynē (σωφροσύνη) — Besonnenheit, Vernünftigkeit, gesunder Sinn — ist eine der vier platonischen Kardinaltugenden: neben Weisheit, Mut und Gerechtigkeit. Platon beschreibt sie als den Zustand, in dem die Seele sich selbst beherrscht — nicht im Sinne des aktiven Kampfes, sondern im Sinne der inneren Ordnung, in der jeder Teil am rechten Platz ist. Der besonnene Mensch braucht keinen Kampf gegen sich selbst, weil in ihm kein Aufruhr ist. Sein Gleichgewicht ist Grundzustand, nicht Ergebnis.
Schlage dein Tagebuch auf. Diese Frage wird dort beantwortet — handgeschrieben, für dich allein.
„Schreibe, wie du Besonnenheit in einem Satz definieren würdest — nicht als Wiederholung des heutigen Textes, sondern in deinen eigenen Worten. Was ist der Unterschied zu Gleichgültigkeit?"
„Ich erkenne Besonnenheit als den ruhigen Grundzustand, aus dem heraus ich handle — nicht als das Ergebnis von Anstrengung, sondern als ihren Ausgangspunkt. Ich nehme mir vor, heute einmal bewusst in diesen Grundzustand zurückzukehren, wenn ich mich schwanken spüre."
Marc Aurel und das tägliche Zurückkehren
„Sage dir beim Erwachen: Heute werde ich Aufdringlichen begegnen, Undankbaren, Anmaßenden, Hinterlistigen, Neidischen, Ungeselligen. Das alles kommt ihnen aus Unwissenheit über das Gute und das Böse."
— Marc Aurel, Selbstbetrachtungen II, 1
Im Jahr 170 n. Chr. ist Marc Aurel — Kaiser des Römischen Reiches seit neun Jahren — im Feldlager an der Donau. Hinter ihm liegen die schlimmsten Jahre seiner Herrschaft: die Antoninische Pest, die seit 165 das Reich verheert und Millionen getötet hat; der Tod seines Co-Kaisers und engen Freundes Lucius Verus im Jahr 169; Jahrzehnte ohne echten Frieden an der Nordgrenze; ein neunjähriger Sohn, Commodus, dessen Wesen schon jetzt erste Zweifel weckt, ob er einmal ein maßvoller Herrscher sein wird.
In dieser Lage schreibt Marc Aurel seine Selbstbetrachtungen — auf Griechisch, für niemanden außer sich selbst, ohne Titel. Es sind tägliche Notizen: Erinnerungen, Korrekturen, Ermutigungen. Kein systematisches Werk — sondern das Protokoll eines Mannes, der täglich zu sich selbst zurückfindet.
Was ihn dabei aufrecht hält, ist nicht die Überzeugung, dass alles gut gehen wird. Es ist die tägliche Praxis des Zurückkehrens. Jeden Morgen, bevor der Tag beginnt, erinnert er sich: Es wird schwierig sein. Die Menschen werden sich verhalten, wie sie sich verhalten. Das Schicksal wird bringen, was es bringt. Ich habe die Wahl, wie ich darauf reagiere. Nicht als einmalige Entscheidung — sondern täglich neu.
Das ist das Wesen der Besonnenheit, wie Marc Aurel sie lebt: kein errungener Zustand, der fortan stabil wäre, sondern eine tägliche Orientierung — ein Zurückfinden zur Mitte, das geübt sein will. Die Selbstbetrachtungen sind nicht das Dokument eines ruhigen Menschen. Sie sind das Dokument eines Menschen, der täglich übt, ruhig zu werden — der weiß, dass die Ruhe nicht von selbst kommt, aber dass sie kommt, wenn er täglich nach ihr greift.
Besonnenheit ist kein Charaktermerkmal, das man besitzt. Sie ist eine Praxis, die man ausübt.
Schlage dein Tagebuch auf. Schreibe eine Szene — kein Kommentar, keine Deutung, nur was zu sehen war.
„Stelle dir Marc Aurel am frühen Morgen vor, bevor der Kaiser anfängt. Was schreibt er, wie hält er die Feder — was ist in diesem stillen Moment zu sehen, das nachmittags verschwunden sein wird?"
„Ich erkenne, dass Besonnenheit nicht besessen, sondern täglich geübt wird — durch das Zurückkehren zur Mitte, wenn ich mich von ihr entfernt habe. Ich nehme mir vor, heute mindestens einen Moment des bewussten Zurückkehrens zu suchen."
Das unruhige Gehirn — und die kultivierte Stille
„Das Gehirn ist wie ein Klettverschluss für schlechte Erfahrungen und wie Teflon für gute."
— Rick Hanson, Hardwiring Happiness (2013) [sinngemäß]
Die Unruhe, die Serenus in seinem Brief an Seneca beschrieb (Tag 1), war nicht sein persönliches Versagen. Sie ist der Normalzustand des menschlichen Gehirns.
Der Neuropsychologe Rick Hanson beschreibt, was Jahrmillionen der Evolution im menschlichen Nervensystem hinterlassen haben: ein System, das auf Bedrohung spezialisiert ist. Negative Erfahrungen werden bevorzugt verarbeitet, tiefer gespeichert, leichter abgerufen. Positive Erfahrungen gleiten daran vorbei. Das Gehirn scannt pausenlos nach Gefahren — physischen, sozialen, inneren. Das ist keine Fehlfunktion. Es war ein Überlebensvorteil. Das schwankende, nie ganz ruhige Bewusstsein ist das Ergebnis dieser Optimierung auf Überleben, nicht auf Wohlbefinden.
Der Mediziner Herbert Benson (Harvard Medical School) entdeckte in den 1970er Jahren, was er die Entspannungsreaktion nannte — den physiologischen Gegenpol zur Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Wenn Menschen einfache Techniken anwendeten — fokussierte Aufmerksamkeit, verlangsamtes Atmen, mentale Wiederholung eines Wortes oder Satzes — wechselte ihr Nervensystem zuverlässig in einen messbaren Zustand der Ruhe: Herzfrequenz und Blutdruck sanken, Gehirnwellen wurden langsamer, der Kortisolspiegel fiel. Die Stille war nicht das bloße Fehlen von Stress. Sie war ein positiver physiologischer Zustand — aktiv erreichbar.
Was folgt daraus für Besonnenheit? Dass der ruhige Grundzustand nicht der natürliche Ausgangspunkt ist. Das Gehirn kehrt nicht von selbst zur Ruhe zurück — es kehrt zur Wachheit und Bedrohungssuche zurück. Besonnenheit ist ein kultivierter Zustand: ein Gegenentwurf zum evolutionären Erbe, der durch Wiederholung verfestigt wird. Marc Aurel hat das gewusst, ohne die Neurobiologie zu kennen. Seneca hat es gewusst. Beide haben täglich geübt — weil täglich nötig war.
Die Harvard-Studie von Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert (2010) hat noch eine weitere Größe gemessen: Menschen sind im Durchschnitt 47 Prozent ihrer wachen Zeit mit Gedanken beschäftigt, die nichts mit dem zu tun haben, was sie gerade tun — sie wandern gedanklich ab. Und in diesen Momenten des Abwanderns sind sie weniger glücklich als in Momenten des Verweilens — unabhängig davon, welcher Tätigkeit sie nachgehen. Die Unfähigkeit, im gegenwärtigen Augenblick zu bleiben, ist nicht gelegentlich. Sie ist der Standardmodus.
Schlage dein Tagebuch auf. Vervollständige den folgenden Satz — schnell, ohne zu zensieren.
„Ich fliehe oft in dieselbe Ablenkung. Was ich darin eigentlich suche, ist: …"
„Ich erkenne, dass Besonnenheit kein Naturzustand ist, sondern eine kultivierte Fähigkeit — erreichbar durch Praxis, nicht durch Willen allein. Ich nehme mir vor, heute zweimal bewusst innezuhalten und für einen Moment wirklich zu verweilen."
Das unruhige Herz — Pascal und die Flucht aus dem Zimmer
„Alles Unglück der Menschen kommt aus einer einzigen Sache: dass sie nicht ruhig in einem Zimmer sitzen können."
— Blaise Pascal, Pensées 136 (Brunschvicg-Zählung)
Blaise Pascal (1623–1662) hat diesen Satz geschrieben und war selbst unfähig, ihm zu folgen.
Pascal war Mathematiker (Dreiecke und Wahrscheinlichkeiten tragen seinen Namen), Physiker (er bewies experimentell, dass Luftdruck existiert), Erfinder (er baute mit siebzehn Jahren die erste mechanische Rechenmaschine der Geschichte, um seinem Vater Steuerarbeit zu ersparen), und religiöser Denker (seine Pensées sind eines der einflussreichsten Werke der europäischen Geistesgeschichte). Er war außerdem chronisch krank, nervös, von Schmerzen gequält, ständig in Bewegung. Er konnte nicht sitzen.
Sein Satz ist deshalb kein Ratschlag. Es ist eine Diagnose — aus der Innenperspektive des Patienten. Pascal versteht das Prinzip seiner eigenen Unruhe vollständig. Er kann es trotzdem nicht aufheben. Das macht seinen Satz schärfer als jeden Ratschlag: Hier schreibt jemand über sein eigenes Leiden mit vollständiger Klarheit und ohne Selbstbetrug.
Was treibt den Menschen aus dem Zimmer? Pascal nennt es divertissement — Zerstreuung: das Bedürfnis, sich durch äußere Aktivität von der inneren Leere abzulenken. Der König jagt nicht, weil er Wildfleisch braucht. Der Spieler spielt nicht, weil er das Geld braucht. Sie tun es, um nicht allein mit sich zu sein. Allein im Zimmer — ohne äußere Beschäftigung — würde die Unruhe sichtbar, die sonst durch Aktivität verdeckt ist.
Augustinus hat dieselbe Erfahrung in einem theologischen Satz gefasst: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir." (Confessiones I, 1). Was immer man über den theologischen Rahmen denkt — die psychologische Beobachtung steht unabhängig davon: Das menschliche Herz ist von Natur aus unruhig. Es treibt nach außen, weil innen etwas ist, das es nicht aushält.
Besonnenheit ist die Tugend, die genau diese Unfähigkeit überwindet. Nicht durch Unterdrückung der Unruhe, sondern durch die langsam kultivierte Fähigkeit, im Zimmer zu sitzen — die eigene Innenwelt zu bewohnen, ohne vor ihr zu fliehen.
Schlage dein Tagebuch auf. Schreibe in dritter Person — dann lies es noch einmal.
„Beschreibe jemanden, der ständig auf jeden Reiz reagiert — auf jeden Kommentar, jede Veränderung, jede Enttäuschung. Ein konkreter Tag ohne Mitte. Wenn du fertig bist: Lies es noch einmal."
„Ich erkenne, dass Zerstreuung oft der Versuch ist, dem eigenen Zimmer zu entkommen — und dass Besonnenheit beginnt, wenn ich lerne, darin zu wohnen. Ich nehme mir vor, heute fünf Minuten ohne Ablenkung zu verbringen — sitzend, ohne Tun."
Die Übung
„Wenn das Licht aus meinen Augen genommen ist und meine Frau, schon vertraut mit meiner Gewohnheit, schweigt — dann prüfe ich meinen ganzen Tag."
— Seneca, De Ira III, 36
Zwei Praktiken für sieben Tage
Seneca beschreibt in seiner Abhandlung über den Zorn (De Ira) eine abendliche Gewohnheit: Wenn der Tag endet und die Stille einkehrt, befrage er den Tag — nicht um sich zu quälen, sondern um klar zu sehen. Diese Praxis, über zweitausend Jahre alt, ist einer der einfachsten Wege zur Besonnenheit als Grundzustand.
Ab heute Abend: fünf Minuten, im Tagebuch oder still im Geist. Drei Fragen, nach Seneca:
1. Was hat mein Gleichgewicht heute gestört? — Ein Moment, in dem ich aus der Ruhe geriet. Nicht Urteil, nur Beobachtung.
2. Wie bin ich damit umgegangen? — Faktisch. Was habe ich gesagt, getan, gedacht?
3. Was würde ein besonnener Mensch getan haben? — Kein Vorwurf. Eine ruhige Vorstellung.
Kein Urteil über sich selbst. Keine Strafe. Nur das ruhige Hinschauen.
Dreimal täglich, zu selbst gewählten Zeitpunkten — morgens, mittags, abends:
Setze dich. Tue nichts. Zwei Minuten.
Keine Meditation im technischen Sinne, keine Atemübung, keine Visualisierung. Nur: sitzen und nichts tun. Wenn Gedanken kommen — sie kommen lassen. Wenn Unruhe kommt — sie kommen lassen. Nicht kämpfen. Nur bleiben.
Das ist die einfachste Form, das Zimmer zu bewohnen, aus dem Pascal floh.
Keine Tagebuchfrage heute. Die beiden Praktiken sind die Übung.
„Ich erkenne, dass Besonnenheit durch tägliche kleine Akte kultiviert wird — nicht durch einmalige Entscheidungen. Ich nehme mir vor, heute beide Praktiken anzuwenden: das Abendgespräch und die zwei Minuten."
Heijōshin — Der Alltagsgeist als Vollendung
Ein Schüler fragte den Meister Nansen: „Was ist der Weg?" — Nansen antwortete: „Der Alltagsgeist ist der Weg."
— Nansen Fugan (Nanquan Puyuan, 749–835), aus: Mumonkan (Die torlose Schranke), Koan 19
Heijōshin (平常心) — wörtlich: der gewöhnliche, alltägliche Geist — ist im Zen-Buddhismus und in den japanischen Kampfkünsten der Name für den höchsten erreichbaren Bewusstseinszustand. Aber das Paradoxe an ihm ist genau das: Er ist der gewöhnlichste aller Zustände. Wenn ich hungrig bin, esse ich. Wenn ich müde bin, schlafe ich. Wenn ich sitze, sitze ich.
Der Meister ist nicht der Mensch, der in der Gefahr eine übernatürliche Ruhe zeigt. Der Meister ist der Mensch, der in der Teestunde dieselbe Qualität der Präsenz mitbringt wie in der Lebensgefahr — und umgekehrt. Das Training zielt nicht darauf ab, in Extremsituationen außergewöhnlich zu werden. Es zielt darauf ab, das Gewöhnliche vollständig zu bewohnen. Die Außergewöhnlichkeit ergibt sich daraus, nicht umgekehrt.
Das stoische prokopé — der Fortschritt des Philosophen — beschreibt dasselbe: Der Mensch, der wirklich Fortschritte macht, ist nicht der, der in Krisen beeindruckend handelt. Es ist der, dessen Alltag eine Qualität der Ruhe hat, die andere nicht kennen. Der Stoiker in Übung fällt nicht durch Heldentaten auf. Er fällt durch die Beschaffenheit seiner gewöhnlichen Tage auf — durch die Art, wie er ein Gespräch führt, auf eine Nachricht reagiert, eine Warteschlange erträgt.
Besonnenheit hat eine soziale Wirkung, die man selten berechnet: Ein ruhiger Mensch verändert den Raum. In Gesprächen, Besprechungen, Krisen — die Person, die nicht mitgerissen wird, die nicht eskaliert, die Sekunden der Pause zulässt, zieht andere in diese Ruhe. Besonnenheit ist nicht nur eine private Tugend. Sie ist eine regulative Kraft im sozialen Feld.
Schlage dein Tagebuch auf. Schreibe drei Sätze — nicht für dich, sondern an jemanden.
„Schreibe drei Sätze an jemanden in deinem Leben, der Ruhe nicht besitzt, sondern täglich neu herstellt. Fällt dir niemand ein, denke an jemanden, den du nur aus der Ferne kennst — aus der Geschichte, den Nachrichten, einem Buch. Was hast du von ihm verstanden, das du noch nicht übst?"
„Ich erkenne, dass Besonnenheit im Gewöhnlichen sichtbar wird — und dass sie den Raum verändert, den ich betrete. Ich nehme mir vor, heute in einem Gespräch oder einer Situation die Pause zuzulassen, bevor ich reagiere."
Das Fundament — Was Besonnenheit in Stufe II trägt
„Dies ist es, was ich dir empfehle: Kehre in dich selbst zurück, so weit du kannst. Verkehre mit denen, die dich besser machen werden — und lass die zu dir, die du besser machen kannst."
— Seneca, Epistulae Morales VII, 8 [sinngemäß]
Seneca beendet De Tranquillitate Animi nicht mit einer Lösung. Er endet mit einer Richtung. Die tranquillitas ist kein Ziel, das man erreicht und hinter sich lässt. Sie ist eine tägliche Ausrichtung — ein Zurückkehren, das nicht aufhört. Serenus wird wieder schwanken. Jeder wird wieder schwanken. Der Unterschied zwischen dem besonnenen und dem unruhigen Menschen ist nicht, dass der erste nicht schwankt, sondern dass er weiß, wie er zurückfindet.
Schaue zurück auf diese sieben Tage. Du hast verstanden, was Besonnenheit von Selbstbeherrschung und Geduld unterscheidet — dass sie kein Kampf ist, sondern ein Boden. Du hast Marc Aurel als täglichen Praktiker dieser Tugend gesehen: nicht ein ruhiger Mensch, der täglich schreibt, sondern ein unruhiger Mensch, der täglich übt, ruhiger zu werden. Du hast die Neurobiologie der Unruhe verstanden — dass das Schwanken das evolutionäre Erbe ist, die Stille die kultivierte Leistung. Du hast Pascal als ehrlichsten aller Patienten kennengelernt: den Mann, der das Prinzip vollständig verstand und es doch nicht leben konnte. Du hast zwei Praktiken geübt — das Abendgespräch und die zwei Minuten. Du hast heijōshin als die Vollendung des Gewöhnlichen kennengelernt. Und du hast erkannt, dass Besonnenheit nicht nur privat ist: sie verändert den Raum.
In der Architektur von Stufe II ist Besonnenheit das dritte Glied und das Fundament der anderen. Selbstbeherrschung kämpft aus einem Ruhezustand heraus leichter. Geduld wartet aus einem Ruhezustand heraus länger. Alles, was in den folgenden Stationen kommt — Selbstregulation, Disziplin, Fleiß, Ordnungssinn — setzt voraus, dass der Mensch einen Boden hat, von dem aus er sich führen kann. Wer keinen Boden hat, regiert sich aus Erschöpfung heraus. Wer einen hat, regiert aus Klarheit.
„Was fällt dir jetzt als Erstes ein, wenn du an Besonnenheit denkst — und was davon wusstest du vor sieben Tagen noch nicht?"
Schreibe außerdem deinen persönlichen Leitsatz für Besonnenheit: einen Satz, der destilliert, was diese Woche dir über diese Tugend gezeigt hat — so präzise, dass er in zwanzig Jahren noch gilt.
Abschlussgelübde
„Ich habe sieben Tage lang gelernt, im Zimmer zu sitzen —
in dem Zimmer, das mein eigenes Inneres ist.
Ich habe gelernt, dass Ruhe nicht kommt, sondern geübt wird.
Dass sie kein Zustand ist, den man besitzt, sondern eine Richtung,
in die man sich täglich neu ausrichtet.
Ich habe den schwankenden Serenus in mir erkannt.
Und ich habe gesehen, dass Marc Aurel täglich zurückkehren musste —
wie ich. Dass auch er nicht einfach ruhig war.
Ich gelobe: Ich werde das Abendgespräch weiterführen.
Ich werde die zwei Minuten nicht aufgeben.
Ich werde lernen, den Raum zu bewohnen, bevor ich reagiere.
Ich werde den Alltagsgeist ehren — den gewöhnlichen, besonnenen Geist,
der das Gewöhnliche vollständig bewohnt.
Ich trage diese Tugend in mich —
und mit mir in die nächste Station."
Du hast das elfte Licht — Besonnenheit — entfacht.
- Seneca: De Tranquillitate Animi (Über die Seelenruhe). — Der Dialog mit Serenus über den Zustand zwischen Krankheit und Gesundheit; Senecas eingehendste Behandlung der inneren Ruhe als Lebensziel. Zugänglich in der zweisprachigen Ausgabe des Reclam-Verlags; alternativ in der Sammlung Über die Kürze des Lebens (dtv).
- Seneca: De Ira (Über den Zorn), III, 36. — Die Beschreibung des abendlichen Tagesrückblicks; eine der ältesten bekannten Beschreibungen einer reflexiven Abendroutine als Praxis der Selbstführung. In allen Seneca-Gesamtausgaben enthalten.
- Marc Aurel: Selbstbetrachtungen (Ta eis heauton). — Die private Aufzeichnung des Kaisers; das einzige erhaltene Dokument über Besonnenheit als tägliche, erneuerte Praxis eines Menschen, der Macht, Pflicht und Leid zugleich trug. Jede gute Ausgabe enthält eine zuverlässige Einleitung; empfohlen: die Übersetzung von Albert Wittstock (Reclam) oder Rüdiger Nickel (Artemis & Winkler).
- Blaise Pascal: Pensées (Gedanken, 1670 posthum). — Das posthum veröffentlichte Hauptwerk des religiösen Denkers und Mathematikers; das Fragment über das Zimmer (Nr. 136 in der Brunschvicg-Zählung, Nr. 143 in der Lafuma-Zählung) ist eines der schärfsten Porträts menschlicher Zerstreuungsbedürftigkeit. In zahlreichen deutschen Übersetzungen verfügbar; empfohlen: Reclam oder Suhrkamp.
- Augustinus: Confessiones (Bekenntnisse), I, 1. — Der berühmte erste Satz: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir." — eine der einprägsamsten Formulierungen menschlicher Grundunruhe; zugänglich in jeder Ausgabe der Confessiones (Reclam, Patmos u. a.).
- Rick Hanson: Hardwiring Happiness: The New Brain Science of Contentment, Calm, and Confidence (Harmony Books, New York, 2013). — Die populärwissenschaftliche Darstellung des Negativitätsbias und der neuroplastischen Grundlagen der Kultivierung von Ruhe und positivem Erleben; mit praktischen Übungen. Dt.: Denken wie ein Buddha, Arbor Verlag, Freiburg, 2014. (Nicht zu verwechseln mit dem dt. Titel Das Gehìrn eines Buddha, der das frühere Werk Buddha’s Brain, 2009, bezeichnet.)
- Herbert Benson & Miriam Z. Klipper: The Relaxation Response (William Morrow, 1975; dt. Die Entspannungsreaktion). — Das grundlegende Werk über die physiologisch messbare Entspannungsreaktion als Gegenpol zur Kampf-oder-Flucht-Reaktion; empirisch belegt, praxisorientiert, bis heute einflussreich.
- Matthew Killingsworth & Daniel Gilbert: „A Wandering Mind Is an Unhappy Mind“, in: Science, Vol. 330, Nr. 6006 (12. November 2010), S. 932. — Die Harvard-Studie über Gedankenwandern und Wohlbefinden; eine der meistzitierten Studien der positiven Psychologie der letzten Jahrzehnte. Als Einzelartikel über die Universitätsbibliothek zugänglich.
- Mumonkan (Die torlose Schranke). — Die klassische Koan-Sammlung des Zen-Buddhismus (13. Jh.); Koan 19 enthält den Dialog zwischen dem Schüler und Nansen über heijōshin. In der deutschen Übersetzung von Koun Yamada (Kösel) oder Nyogen Senzaki (verschiedene Ausgaben) zugänglich.